Herr Blume, in den Nachrichten wird nur noch selten vom Gaza-Krieg berichtet. Warum?
Manche Leute sagen, deutsche Medien berichten nur pro israelisch und andere meinen, sie berichten nur pro palästinensisch. Von Journalist*innen höre ich: Egal, wie wir berichten, wir kriegen immer Haue, also wählen wir lieber andere Themen. Das besorgt mich. Besser wäre, alle setzen sich damit ehrlich auseinander, denn der Krieg geht ja weiter und Menschen sterben.
In Baden-Württemberg sind am 8. März Landtagswahlen. Sie sagen, dass es dabei aggressiv und hässlich zugeht. Warum?
Ich erfahre seit vielen Jahren digitale Gewalt. Auch meine Familie. An Weihnachten wurde die Organisation HateAid angegriffen, die sich für Menschenrechte im digitalen Raum einsetzt. Das ist kein Zufall. Wir beobachten, dass digitale Gewalt ausgeübt wird, wenn Leute in einer verwundbaren Situation sind und es schwierig ist, Hilfe zu holen, beispielsweise an Feiertagen. Ich bin dankbar, dass wir die Wahl in Baden-Württemberg besonders schützen.
Wie kann man eine Wahl schützen?
Es sind zwei Aspekte. Der eine ist persönlich. Ich werde als Terrorist und Sexualstraftäter beschimpft. Selbst wenn ich weiß, dass das alles nicht stimmt, tut es erstmal weh und ich musste Hilfe annehmen. Auf der institutionellen Ebene müssen wir uns darauf einstellen, dass Deepfakes Beschimpfungen raushauen. In Baden-Württemberg hat es den 90-jährigen Unternehmer Reinhold Würth getroffen. Mit einem gefälschten KI-generierten Video haben Kriminelle für ein dubioses Investment geworben. Wir alle müssen uns individuell und institutionell resilient gegen digitale Gewalt machen.
Das ist schwierig. Unsere Hochschule wurde nach Ihrem Vortrag neulich wochenlang geflutet von Shit-Mails. Das hat uns eingeschüchtert.
Wenn man im Fadenkreuz von solchen Tätern ist, suchen sie verletzliche Punkte. Mein Vater ist 2012 gestorben und jedes Jahr am Todestag bekomme ich Hassmails, die ihn beschimpfen. Er war ein unbescholtener Mann, der versuchte, aus der DDR zu fliehen und in Stasi-Haft saß. Hater wissen, was einen verletzt, in diesem Fall mich als Sohn. Still werden kann aber nicht die Lösung sein. Dann gewinnen die Lauten und verbreiten weiter Hass.
Wann haben Sie das erste Mal Hass und Hetze erfahren?
Als meine Frau und ich 2003 geheiratet haben, brauchten wir sogar mal die Polizei. Dass ein christlicher Mann und eine muslimische Frau heiraten, das war völlig ungewöhnlich. Noch schlimmer wurde es nach meinem Einsatz im Irak. Da kamen die Drohungen von Islamisten, die fragten: Warum hilft er Jesiden, diesen Teufelsanbetern? Die dritte Stufe war erreicht, als ich Antisemitismusbeauftragter wurde. Seitdem vergeht kein Tag ohne Hassnachrichten.
Hätten Sie mit dem Wissen heute damals anders gehandelt?
Nein, ich würde wieder meine Frau um ihre Hand anhalten, ich würde wieder in den Irak gehen und ich lasse mich auch vom Kampf gegen Antisemitismus nicht abhalten. (Anmerkung: Dr. Michael Blume reiste 2015 als Referatsleiter für religiöse Minderheiten 13-mal in den Irak und holte 500 Frauen und 600 Kinder nach BaWü, traumatisierte Opfer des IS.)
Sehen Ihre Kinder das ebenso?
Wir haben nie Fotos mit mir und den Kindern gepostet, um sie zu schützen. Mein Sohn wollte neulich nach meinem Vortrag ein Foto mit mir machen. Ich sagte nein, dann finden dich vielleicht die Hater. Er sagte Papa, ich bin jetzt erwachsen. Ich war bei der Bundeswehr. Ich lasse mir doch nicht von diesen Hetzern verbieten, ein Foto mit meinem Vater zu machen. Da hatte ich feuchte Augen.
Wobei Baden-Württemberg doch besonders multikulti ist, jede*r Dritte hat Migrationshintergrund und es funktioniert gut!
Genau darum werden wir angegriffen. Menschen, die unsere Demokratie ablehnen, fürchten, wenn es uns hier gelingt, in Vielfalt zusammenzuleben, dann könnte es auch anderswo klappen. Mit meinem Lebenslauf fordere ich das Weltbild der Verschwörungsgläubigen geradezu heraus. Die glauben, ich bin Illuminat der vierten Stufe, schmiede an einer neuen Weltordnung und habe ein Raumschiff im Garten stehen. Die meinen nicht mich als Mensch, die kennen mich ja gar nicht. Sondern es geht ihnen darum, eine Vielfalt, wie sie in Baden-Württemberg und an Ihrer Hochschule normal ist, zu verhindern.
War der Verfasser der Shitstorm-Mails nach Ihrem Vortrag bei uns auch ein Verschwörungsgläubiger?
Das ist ein israelischer Rechtsextremist, der wegen mir mehrere tausend Hassmails pro Jahr schreibt. Sein Vorwurf: Ein Antisemitismusbeauftragter mit einer muslimischen Ehefrau, das gehe gar nicht und er werde mich fertig machen. Ich bin diesem Angreifer nie begegnet. Aber er arbeitet sich fast jeden Tag an meiner Familie und mir ab.
Wie halten Sie das bloß aus?
Ich frage mich umgekehrt, wie halten die das aus? Es gibt keine glücklichen Hater. Leute, die täglich Hassmails schreiben, sind tief unglücklich. Häufig greifen Hassende an, was sie vermissen. Ich mag deswegen auch nicht zurück-hassen.
Seit den Anfängen des Christentums werden Juden für das Todesurteil gegen Jesus verantwortlich gemacht. Hat Antisemitismus auch damit zu tun?
Dieser Verschwörungsmythos ist sehr alt, aber natürlich falsch: Jesus war Jude und Rabbiner, seine Anhänger waren jüdisch und das Kreuz war eine römische Todesstrafe. Er wurde dort sogar von den Römern als „König der Juden“ verspottet!
Antisemit*innen glauben, jüdische Menschen sind schlauer und kontrollieren andere. Das Judentum war die erste Religion, die mit der Alphabetschrift gearbeitet hat. Jede Thorarolle hat 304.805 von Hand geschriebene Buchstaben. Schon vor 2000 Jahren haben die meisten jüdischen Kinder lesen und schreiben gelernt. Wer also für seinen Hass vermeintliche Superverschwörer braucht, landet fast immer im Antisemitismus.
Sie sagen, Antisemitismus greift nicht nur Juden an, sondern auch die Medien, die Demokratie, den Rechtsstaat. Wie passt das alles zusammen?
Antisemitismus bedroht uns alle. Der britische Philosoph und Rabbiner Jonathan Sacks sagte: Dieser Hass beginnt immer bei Juden, endet aber nie bei ihnen. Weil Verschwörungsmythen immer erweitert werden. So besteht der Verschwörungsglaube, Muslime werden nach Europa geholt, um die Christen zu ersetzen. Feminismus und Homosexualität würden gefördert, um die Geburtenraten zu senken. Wenn wir solche Mythen zulassen, ist niemand mehr sicher. Kein Jude, keine Jesidin, keine Frau, kein Mann, keine Migrantin, kein Deutscher, kein Mensch mit Behinderung, keine queere Person. Schon allein deswegen müssen wir füreinander einstehen.
Artikel 1 im Grundgesetz steht dafür.
Ja, die Menschenwürde ist unantastbar, dafür will ich kämpfen. Es geht darum, dass man in unserem Land in Frieden vielfältig und ohne Angst jüdisch, christlich, muslimisch, jesidisch, nicht religiös sein kann. Auch schwarz oder weiß, Mann oder Frau, kinderlos oder kinderreich.
Hilft Bildung gegen Antisemitismus?
Es gehört mehr dazu als rein formale Bildung. Zur Nazizeit gab es viele Professoren wie Martin Heidegger, der jüdische Studierende hatte. Hannah Arendt hat bei ihm studiert. Er war antisemitisch.
Ich traf in Berlin die Holocaustüberlebende Inge Auerbacher und sie sprach von Herzensbildung. Charakter- und Herzensbildung helfen gegen Antisemitismus, Rassismus und Sexismus. Wir müssen Menschen in ihrer Vielfalt akzeptieren, das ist der beste Schutz. Unsere Aufgabe besteht darin, aufeinander aufzupassen, dass berechtigte Kritik nicht in Verschwörungshass überschlägt.
Fake News auf Social Media befeuern das Problem. Kann unser Bildungssystem in Baden-Württemberg dagegen arbeiten?
Ich habe mich sehr für das Schulfach Medienbildung eingesetzt. Unsere Realität wird durch Medien geprägt. Die Nazis wären ohne Radio nie an die Macht gekommen. Heute müssen wir sehr schnell lernen, mit dem Internet und KI zurechtzukommen. Die meisten jungen Menschen wissen, dass es kein ewiges Wachstum geben kann, dass die kommenden Jahrzehnte heftig werden. Wenn sie das Gefühl haben, sie können über Themen sprechen, die sie bewegen, erlebe ich eine Generation, die sich engagiert und beteiligen möchte. Die Jugend macht mir Mut.
Sie setzen sich auch für die Energiewende ein, haben den Begriff der „erneuerbaren Friedensenergien“ erfunden. Wie passt das zusammen?
Von fossilen Brennstoffen und autokratischen Regimen abhängig zu sein, ist nicht die Lösung. Deshalb spreche ich von erneuerbaren Friedensenergien. Wer etwas für Frieden tun will, kann auf der einen Seite Dialog und Bildung stärken, so wie Sie das an der Hochschule tun, aber auch Elektroauto fahren, eine Wärmepumpe einbauen, auf Tierfleisch und Flugreisen verzichten. Je weniger Öl und Gas wir verbrennen, umso friedlicher und besser wird unsere Zukunft. Ich bin ein Solarpunk.
Wir kennen nur Cyberpunk…
Das ist ein Science-Fiction-Subgenre, das eine Dystopie zeigt. Wir Solarpunks wünschen uns die Welt jedoch vielfältig, frei, gesund. Vor neun Jahren haben wir uns als Familie ein Elektroauto angeschafft. Die Leute sagten, die bleiben liegen und brennen. Aber wir werden nie wieder einen Verbrenner fahren. Ich schreibe das niemandem vor. Ich selbst bin Vegetarier, aber in meiner Familie gibt es Leute, die essen Fleisch. Ich entscheide für mich, Schritte für Frieden und die Energiewende nach vorne zu gehen und möchte die Welt positiver gestalten. Ohne diese wissenschaftlich begründete Hoffnung würde ich verzweifeln.
Klingt theoretisch gut, aber ist praktisch nicht so einfach.
Wenn ich Menschen Angst mache, erstarren sie. Junge Menschen sind sehr realistisch, aber sie brauchen auch Hoffnung. Sie möchten nicht hören, dass die ganze Welt abstürzt. Wenn wir jetzt gemeinsam mutige Entscheidungen treffen, dann wird sie das auch nicht. Solarenergie und Batteriespeicher boomen inzwischen vor allem auch in den ärmeren Ländern, weil sie längst viel günstiger sind als fossile Energien.
Eine letzte Frage: Was würden Sie als Bundeskanzler von Deutschland als erstes machen?
Ich würde die Rechte der Parlamente wieder stärken. Ich bin seit über 30 Jahren engagierter Christdemokrat. Aber dass Konrad Adenauer 1961 eine überzogene Fraktionsdisziplin eingeführt hat, die die Freiheit von Abgeordneten einschränkte, finde ich für das 21. Jahrhundert falsch. Wir brauchen wieder einen starken Bundestag und lebendige Landtage. Wir sollten wieder mehr Grundgesetz, Menschenwürde, Dialog wagen.
Amal F., Zeylep S. und Elif M. sind Studentinnen im Studiengang Soziale Arbeit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und engagieren sich im Projekt Sukkat Salaam, einem interkulturellen Begegnungsraum, die den jüdisch-muslimischen Dialog fördert. Amal und Zeylep sind Musliminnen, Elif gehört der orthodoxen Kirche an.
Ihre Namen sind geändert, um sie zu schützen.


