Was macht eigentlich Alumnus Pétur Thorsteinsson?

„Uns geht es immer um Solidarität“

Pétur Thorsteinsson, 58, ist neuer Geschäftsführer des Gustav-Adolf-Werks Württemberg

Herr Thorsteinsson, Sie sind gebürtiger Isländer. Von wo genau kommen Sie?
Aus dem kleinen Fischerort Dalvik im Norden. Mein Vater war gelernter Schiffsbauer. Später zogen wir nach Akureyri und er wurde Polizist. 

Isländer lieben ihre Heimat. Was zog Sie nach Baden-Württemberg?
Ich besuchte in Reykjavik die Beamtenschule und wurde Zollbeamter. Dann lernte ich auf der Hochzeit meines Bruders auf der Schwäbischen Alb die Schwester der Braut kennen. Wir heirateten zwei Jahre später in derselben Kirche in Münsingen.

Sie blieben in Deutschland. Was tut ein isländischer Zollbeamter auf der Schwäbischen Alb?
Damit konnte ich hier null anfangen. Also machte ich mein Ehrenamt zum Beruf und wurde Diakon. Es war naheliegend. Ich war in Island immer in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig gewesen, hatte Jungscharlager und Sommerprojekte betreut. 

Warum entschieden Sie sich für ein Studium an der EH?
Ich rief meinen Bischof in Reykjavik an und fragte, Karl, was muss ich beachten? Und er sagte, such eine Regelausbildungsstätte der Landeskirche. Das wird auch in Island anerkannt. Die Ausbildung dauerte fünf Jahre. Alles war familiär, wir waren nur 50 Studierende im Jahrgang auf der Karlshöhe, ich war der einzige Ausländer im Vollstudium. 1997 war die Einsegnung, 1999 die zweite Dienstprüfung, ein Jahr später gingen wir für 13 Jahre zurück nach Island. Unsere beiden Kinder sollten in beiden Ländern aufwachsen. Samuel war sieben, Helena vier und Johannes wurde 2003 geboren. Ich arbeitete als Gemeinde-Manager in Reykjavik und später als Diakon im Norden und machte berufsbegleitend einen Master in Europawissenschaften. 2013 suchte das Jugendwerk in Reutlingen einen Diakon mit internationaler Erfahrung und wir kamen zurück. Parallel hatte ich einen Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule. 2019 suchte die Diakonie Württemberg einen Diakon, der auf Europa spezialisiert war und so übernahm ich dort die Geschäftsführung von „Hoffnung für Osteuropa“. 

Sind transatlantische Umzüge mit einer fünfköpfigen Familie nicht sehr aufwändig? 
Wir Isländer sind so, alles andere wäre langweilig. In Deutschland baut man ein Haus und lebt sein Leben lang drin. Isländer*innen kaufen und verkaufen Häuser zwei- oder dreimal im Leben. In Island habe ich Heimweh nach Deutschland. In Deutschland habe ich Heimweh nach Island, vor allem im Winter.

Ist der isländische Winter nicht dunkel und eiskalt?
Es gibt nichts Schöneres, als mit Langlaufskiern alleine bei schwachem Mondlicht und Frost im Hochland unterwegs zu sein. Absolute Stille, du hörst nur das Gleiten der Skier und den eigenen Atem. 

Jetzt wurden Sie Geschäftsführer des Gustav-Adolf-Werks Württemberg. Eine Institution, die den Namen eines schwedischen Königs trägt. 
Der Schweden-König Gustav II. Adolf, nach dem unser Werk benannt ist, war wichtig in der Zeit der Reformation. Bis heute geht es dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) darum, weltweit „verstreute“ evangelische Menschen zu unterstützen – besonders dort, wo sie als Minderheit leben. Es hilft beim Erhalt von Kirchen und Gemeindezentren, fördert diakonische Projekte und stärkt die Ausbildung von Pfarrer*innen. Das GAW macht evangelisches Leben in Ländern der Diaspora möglich und sichtbar.

Daher kommt also das alte deutsche Wort Diaspora?
Ja, es bedeutet „Verstreuung“ - die Menschen in unseren Partnerkirchen leben überall auf der Welt als evangelische Minderheit. Man könnte sagen, sie sind weltweit als „Samen“ ausgestreut. Und den pflegen wir durch unsere Arbeit.  

Das Gustav-Adolf-Werk hat 39 Partnerkirchen in 35 Ländern.
Bundesweit sind wir in Landesverbände aufgeteilt, sie heißen Hauptgruppen, die größte ist in Württemberg, hier bin ich Geschäftsführer. Wir entsenden jedes Jahr bis zu 25 ehrenamtliche Freiwillige ins Ausland. Sie kommen aus der ganzen Bundesrepublik und werden von uns betreut. 

Was tun diese Freiwilligen im Ausland?
Sie tauchen für ein Jahr in eine fremde Kultur ein und leisten Hilfe. Oft geht es dabei um Bildungs- oder Betreuungsarbeit, vor allem mit Kindern und Jugendlichen, aber sie begleiten auch ältere Menschen in den Gemeinden. Es geht darum, Freundschaften zu schließen und Perspektiven zu wechseln.

Was ist dabei Ihre Aufgabe als Geschäftsführer?
Wir Geschäftsführer der einzelnen Hauptgruppen begleiten Enno Haaks, GAW-Generalsekretär, abwechselnd auf den großen Reisen. Ich bin ansonsten hauptsächlich in den Gemeinden in Württemberg unterwegs und helfe, die Verbindung zu den Diasporakirchen zu halten. Wenn eine Kirche in Bratislava 35 Jahre besteht, fahren wir hin. Unsere Themen drehen sich auch um globale Herausforderungen wie den Klimawandel, wir haben unter anderem Partner in Spanien und Italien, die darunter leiden. Das reflektieren wir gemeinsam und fördern Hilfsmaßnahmen. 

Wo werden Sie beim GAW die Prioritäten setzen?
Wir sind zu fünft im Team, das ich leite. Im Mittelpunkt steht Solidarität im Hinblick auf die Menschen im Ausland, die Ehrenamtlichen und Spender*innen in Württemberg. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern um Beziehungen auf Augenhöhe und um voneinander lernen. 

Was ist Ihr Ausgleich, wenn Sie sich nicht um die Diaspora kümmern?
Nach Einbruch der Dunkelheit drehe ich mit Stöcken an der frischen Luft meine Runden. 

Noch acht Jahre bis zur Rente. Bleiben Sie in Deutschland?
Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen, das wäre auch eine Option. 

Dort ist man ebenso wie in Island mit allen per du…
Ob Rektorin oder Student: Ich werde mir das Siezen gerne wieder abgewöhnen. 

Was sind noch wichtige Unterschiede?
Es sind nur Nuancen. Wir haben fast keinen Gender-Pay-Gap, was mich freut, wir haben eine Präsidentin, eine Bischöfin, eine Premierministerin. Wir haben keine Armee, keine Züge und keinen Nikolaus, sondern dreizehn Weihnachtsmänner.