Frau Geldner, Sie sitzen in zwei Ausschüssen: Bildung und Soziales, Arbeit und Gesundheit. Im Bildungsausschuss sind Sie zuständig für die frühkindliche Bildung und im Sozialausschuss für Familien, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinder- und Jugendhilfe und Quartier 2030. In der Grüne Fraktion sind Sie zudem Sprecherin für frühkindliche Bildung, Kinder und Familien.
Das ist eine Menge für eine so junge Abgeordnete wie Sie. Wann fing ihr politisches Engagement an?
Schon mit 15. In Gemeinschaftskunde gab uns unser Lehrer Herr Fuchs auf, täglich Zeitung zu lesen und die Tagespolitik zu kommentieren. Ich lernte, was Politik für mich im Alltag ausmacht. Zwei Jahre später wurde Rita Behr-Martin als erste weibliche Bürgermeisterin des Landkreises gewählt. Zehn Jahre später, 2016, kandidierte Jutta Niemann als erste Frau der Grünen in unserem Wahlkreis für den Landtag. Ich hatte als junge Frau damit zwei weibliche Vorbilder, was damals noch außergewöhnlich war. 2019 bin ich selbst bei den Grünen eingetreten und managte 2020/21 während des Studiums Niemanns Wahlkampf. Bei beiden beobachtete ich übrigens, dass Frauen anders Politik machen.
Wie denn?
Sehr viel teamfähiger und konstruktiver. Es geht weniger um Prestige, mehr um Inhalt. Gilt sicher nicht für alle. Als Jutta Niemann vergangenes Jahr nicht nochmal antrat, fragte sie mich, ob ich es mir vorstellen könnte.
Weiß Lehrer Fuchs, dass Sie sein Unterricht in den Landtag geführt hat?
Er war einer der ersten, die gratulierten.
Nach dem Unterricht bei ihm hätte für Sie ein politisches Fach nahegelegen. Warum studierten Sie an der EH?
Nach meiner Ausbildung zur Erzieherin wollte ich mich vertiefend mit sozialen Themen auseinandersetzen. Für die EH habe ich mich entschieden, weil sie so klein ist, hier studiert man ganz anders. Man ist viel näher dran an den Themen und im Austausch mit den Dozierenden. Ich habe gelernt, andere Perspektiven einzunehmen, wie man sich in Diskussionen einbringt und sich positioniert. Unsere Dozentin Prof. Bettina Heinrich ermunterte uns: Engagiert euch, erhebt die Stimme! Damals war die Flüchtlingsthematik hochaktuell. Soziale Arbeit zu studieren heißt auch, Menschen am Rand der Gesellschaft sichtbar zu machen. Darunter die vielen Menschen im Globalen Süden, die der Klimawandel am stärksten bedroht.
Im Fernsehen sind Talkshows angesagter denn je. Wie schlagen Sie sich in Podiumsdiskussionen?
Ich musste erstmal reinfinden. Wann und wie oft greife ich an? Wann bin ich leise, lasse es laufen und denke mir, der blamiert sich selber. Wann unterbreche ich, wann widerspreche ich - vor allem dem AfDler. Im Fach Religionspädagogik lernte ich viel über Methodik und Didaktik. Das hilft mir, wenn ich Reden halten muss.
Haben Sie ein Beispiel?
Interessant war vor ein Podium bei der Feuerwehr mit allen Parteien. Es war kaum auszuhalten, wenn der AfDler sich rassistisch äußerte. Ich musste meine Emotionen zurückzuhalten. Natürlich gehören inhaltliche Auseinandersetzungen zwischen demokratischen Parteien zur Demokratie dazu. Das ist die Ambiguitätstoleranz, die man im Studium lernt: Widersprüche aushalten. Reden unter Gleichgesinnten zu halten, ist viel einfacher. Wie neulich, kurz vor der Wahl, bei einer Veranstaltung mit 800 Leuten in der Fassfabrik in Schwäbisch Hall, wo ich eine zehnminütige Rede hielt. Hat mich besonders gefreut, weil Ministerpräsident Cem Özdemir dabei war.
Kennen Sie sich gut?
Wir kennen uns, haben beide eine Erzieher:innen-Ausbildung gemacht und an derselben Hochschule studiert – ich nur einige Jahre später.
Sie haben jetzt die Hoheit über Ihren Terminkalender abgegeben und sind rund um die Uhr Politikerin, fast ohne Privatsphäre. War es die richtige Entscheidung?
Ja. Mir geht es um Bildungsgerechtigkeit. Es entscheidet immer noch das Einkommen der Eltern, ob Kinder eine höhere Schule besuchen können, denn für manche ist oft schon die Kita zu teuer. Dabei sind es die entscheidenden Jahre. Da zu sparen ist völlig fehl am Platz, sonst wird es nachher teuer. Außerdem brauchen Kitas multiprofessionelle Teams: Erzieherinnen, Kinderkrankenschwestern, Logopädinnen, Heilerzieher. Auch Menschen, die andere Sprachen sprechen und aus anderen Kulturen kommen. Jeder und jede bringt Kompetenzen mit. Dafür möchte ich mich einbringen.
Ein ehrgeiziges und sicher auch nötiges Programm. Aber schaffen Sie das in einer Legislaturperiode?
Wir dürfen Politik nicht nur über fünf Jahre bis zur nächsten Wahl denken, sondern viel längerfristig. Ich hoffe, ich kann weitermachen.
Wollen Sie nicht in die Bundespolitik?
Nein, Bildungspolitik ist absolute Ländersache.
Wie erholen Sie sich?
Ich fahre sehr viel Rennrad. Lese Fachbücher. Spiele Klavier in der Kirchenband...
…und Sie schreiben an der aktualisierten Auflage Ihres Buches „Integration und Migration in der Sozialen Arbeit“. Worum geht es darin?
Ich stand immer kritisch diesem gehypten Assimilationsmodell des Soziologen Hartmut Esser gegenüber, der fordert, dass sich Zuwanderer vollständig anpassen sollen. Ich plädiere bis heute für eine Interkulturalität unserer Gesellschaft. Nach dem Studium habe ich vier Monate in Jordanien an einer Inklusionsschule gearbeitet und weiß: Man kann sich nicht assimilieren, es ist utopisch, sich aufzugeben - und auch nicht notwendig! Das Schöne ist doch das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Geschichten und Gedanken. Gleichzeitig müssen wir Vertrauen aufbauen in Politik, Wissenschaft und Journalismus. In die Demokratie. Und vor allem: Wir dürfen der AfD mit ihrer Politik der Ausgrenzung nicht das Feld überlassen. Wie Soziale Arbeit dazu beitragen kann, möchte ich in der neuen Auflage noch stärker ausführen.
Lea Geldner, 35, stammt aus Wallhausen bei Schwäbisch Hall. Der Vater ist Elektriker, die Mutter Kinderkrankenschwester und Erzieherin. Sie hat vier Geschwister. Sie ist ausgebildete Erzieherin, studierte Religions- und Gemeindepädagogik und setzte einen Master für Soziale Arbeit drauf. Außerdem war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Antidiskriminierungs- und Diversityfragen und Lehrbeauftragte an der EH. Nach dem Studium arbeitete sie als Diakonin in Rot am See in der Kinder- und Jugendarbeit und als Lehrkraft an der Fachakademie für Sozialpädagogik.


