„Wir beschäftigen uns im Projektstudium schon seit ein paar Jahren mit dem Züblin-Parkhaus“, erklärt Prof. Ahlrichs. Der Pachtvertrag mit dem Betreiber läuft demnächst aus, das Areal gehört der Stadt und seit Jahren wird die Zukunft des Parkhauses diskutiert. Es trennt den Stadtteil seit 1960 in zwei Teile und könnte zukünftig als Stadtteilzentrum und Jugendhaus genutzt werden, für Wohnungen, betreutes Wohnen oder für die Altenpflege – und damit zur neuen Mitte werden. Das war eines der ersten von der Stadt Stuttgart eingereichten Projekte für die IBA 2027.
All diese Ideen sind in der Umsetzung teuer. Die Baukostensteigerung, ausgelöst durch den Ukrainekrieg, stoppten die Vorhaben. Eberhard Schwarz, Vorsitzender des Vereins „Dritter Raum“ in Stuttgart, ehemals Pfarrer der Hospitalkirche, hatte Prof. Dr. Ahlrichs angesprochen. „Es braucht Orte, an denen Menschen, gleich welcher Herkunft, Religion oder sozialer Schicht, zusammenkommen“, so Schwarz. Er wollte mit Stiftungen, Vereinen, Kirchen, sozialen Einrichtungen, die im Stadtteil aktiv sind, gemeinsam etwas entwickeln. Denn bei solchen Projekten spielten oft Architektur, Verkehr, Umwelt und Städteplanung eine wichtige Rolle – „und die soziale Kompetenz fällt hinten runter.“ Deshalb holte Schwarz die Evangelische Hochschule mit ins Boot.
„Grade heute vor dem Hintergrund der Spaltung der Gesellschaft ist diese Idee ein Versuch, die Menschen wieder zusammenzubringen, und hat Charme“, sagt Prof. Dr. Rolf Ahlrichs. „Solche Treffpunkte jenseits von Familienstrukturen, von Milieugrenzen und Arbeitskontexten, sind für eine Gemeinschaftsbildung und für demokratisches Miteinander elementar.“ Dafür brauche es eine entspannte Atmosphäre von Inklusion, Austausch und Zusammenarbeit.
Im Sommersemester recherchierten 18 Studierende über 15 Wochen intensiv im Leonhardsviertel, sie sprachen mit Kindern, Jugendlichen und jungen Familien, hörten älteren Menschen zu, auch Leuten, die in Armut leben oder im Rotlichtmilieu tätig sind. Sie haben erfahren, welche Wünsche die Menschen an einen dritten Ort haben. Während eines Symposiums in der Leonhardskirche mit Vertretern aus Zivilgesellschaft, Stadtentwicklung und -planung, aus Politik, Institutionen und Vereinen präsentierten die Studierenden die Ergebnisse ihrer Recherche in Form eines Stadtteilspaziergangs. Trotz Hitze gingen 40 Interessierte mit und richteten den Blick besonders auf die Bedarfe marginalisierter Gruppen: Wie muss ein dritter Ort, ein Stadtteilzentrum, gestaltet sein, damit sich alle wohlfühlen, junge Familien ebenso wie Ältere, Menschen in Armut und Prostituierte.
Die Studierenden haben die Erkenntnisse dieses anspruchsvollen Forschungsprojekt zusammengefasst. „Anspruchsvoll deshalb, weil sie sich einerseits zuerst mit der Theorie des Dritten Ortes vertraut machen mussten, dann mit der Methode des deliberativen Stadtteilspaziergangs als partizipative Forschungsmethode und drittens auch noch eigenständig mit ihren Zielgruppen, mit Bewohnerinnen oder Besuchern beschäftigt haben. Das war Neuland auf drei Ebenen“, sagt Prof. Dr. Ahlrichs. Sie zogen in kleinen Gruppen los, sprachen mit Kneipeninhabern, versuchten, Bordellbesitzer zu kontaktieren. Das muss man sich erstmal trauen. Eine Gruppe geriet im Begegnungszentrum in einen italienischen Liederabend und sang begeistert mit den Senior:innen mit.
Die Empfehlungen wurden an den Verein „Dritte Räume Stuttgart“ übergeben: Wichtig ist, dass der Zugang zu solchen Orten niedrigschwellig und barrierefrei ist. Möchte man Menschen, die in Armut oder Obdachlosigkeit leben, erreichen, darf es keinen Konsumzwang geben, stattdessen kostenlos Trinkwasser, Kaffee und Toiletten. Für junge Familien braucht es Kinderbetreuung, Spielmöglichkeiten, Austauschmöglichkeiten, für Ältere Spielenachmittage, Filmeabende, und kulturelle Angebote. Die Gruppen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Und gemeinsame: Alle wünschen sich Räume mit einer Atmosphäre zum Austausch miteinander und zum Lernen voneinander.
Prof. Dr. Rolf Ahlrichs: „Die Studierenden haben die Aufgabe mit Bravour gemeistert. Sie tauchten tief in den Sozialraum ein und identifizieren sich mit dem Stadtteil. Der ist nicht besonders angesagt. Aber man kann ihn sehr lieb gewinnen mit seinen unterschiedlichen Facetten.“ Die Studierenden spürten, dass ihre Forschung eine Bedeutung hat. Allein schon, weil die Menschen im Viertel sich gehört fühlten. „Ihre Forschung ist nicht für die Schublade. Was wir hier tun, ist relevant für die Menschen und verbessert vielleicht ihr Leben.“
Und wie geht´s nun weiter?
Der Verein „Dritte Orte“ wird 2027 während der IBA wieder ein Symposium veranstalten. Ein Umbau des Parkhauses zum Stadtteiltreffpunkt ist noch Zukunftsmusik. Aber eine PopUp- Aktion auf dem Dach wäre schon im kommenden Jahr möglich. Vielleicht dann ja von einer anderen Gruppe Studierender mitgestaltet.
Übersicht Forschungsergebnisse


