Paul-Lechler-Professur

„Resilienz entsteht in Beziehungen“: Eva Maria Lohner studierte Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie in Kassel und Tübingen und promovierte mit dem Thema „Gewaltige Liebe – Praktiken und Handlungsorientierungen junger Frauen in gewaltgeprägten Paarbeziehungen“. Am 3. November um 18 Uhr hält sie ihre Antrittsvorlesung für die Paul-Lechler-Professur zum Thema „Resilienzförderung in Kindheit und Jugend“.

Prof. Dr. Eva Maria Lohner, Professur für Psychosoziale Beratung in der Sozialen Arbeit

Frau Prof. Lohner, „Gewaltige Liebe“ bedeutet hier „Gewalt in der Beziehung“, richtig?

Ja genau. In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie junge Frauen Gewalt in ihren ersten Paarbeziehungen erleben und bewältigen. Gewalt und speziell sexualisierte Gewalt ist einer meiner zwei Arbeitsschwerpunkte.  Der andere ist psychosoziale und systemische Beratung und zugleich ein Lehr- und Forschungsschwerpunkt. Beide möchte ich in den nächsten fünf Jahren auf den Ebenen Lehre, Forschung und Praxistransfer umsetzen. 

Wie passt das Thema Ihrer Antrittsvorlesung „Resilienzförderung in Kindheit und Jugend“ dazu?

Sehr direkt – meine beiden Schwerpunkte sind zwei Seiten derselben Frage. Gewalt gehört zu den gravierendsten Risikofaktoren für die seelische Entwicklung junger Menschen; und Resilienzforschung fragt, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche solche Belastungen bewältigen. Beratung ist eine Schlüsselintervention, um genau diese Schutzfaktoren zu stärken. Wenn wir von Kindern und Jugendlichen sprechen, haben wir auch die Familie und das soziale Umfeld mit im Boot. Auch Fachkräfte wie Sozialarbeiter:innen, eben alle Akteur:innen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Denn Resilienz entsteht genau in diesen Beziehungen.

Was führte Sie zu diesen Themen?

Ein Job bei „TIMA e.V.“ in Tübingen während des Studiums vor vielen Jahren.  Ich arbeitete an Schulen zur Prävention von sexualisierter und häuslicher Gewalt. TIMA e.V. engagiert sich seit 2008 intensiv in der Gewaltprävention in jugendlichen Paarbeziehungen. Dazu gab es ein EU-gefördertes Projekt „Heartbeat – Herzklopfen. Beziehungen ohne Gewalt“ und da merkte ich, das ist eine riesige Forschungslücke. Also habe ich zu diesem Thema promoviert – und schon damals hat mich vor allem die Perspektive interesseiert, welche Handlungsstrategien junge Frauen bei der Bewältigung von Gewalterfahrungen haben. Das ist im Kern eine Resilienzfrage.

Und das möchten Sie in die Lehre an der EH einbringen?

Unbedingt. Sexualisierte Gewalt, Gewalt, Macht und Machtmissbrauch sind nicht immer in den Studiengängen der Sozialen Arbeit gesetzt. Müssten sie aber, weil alle Fachkräfte damit zu tun haben. Ich habe in Tübingen zusammen mit meiner Kollegin Dr. Laura Böckmann eine Zusatzqualifikation für sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen entwickelt, die sich an zukünftige pädagogische Fachkräfte und Lehrer:innen richtet. Solche Angebote sind an deutschen Hochschulen bislang kaum verankert.

Unterrichten möchten Sie auch Beratungslernen. Was meinen Sie damit?

Ich forsche, wie Beratungslernen funktioniert. Was brauchen wir in der Lehre? Dafür arbeite ich in Kooperation mit der Uni Tübingen im sogenannten Beratungslabor mit ausgebildeten Schauspieler:innen, die Fälle aus der Praxis simulieren. Mit den Studierenden der EH führen wir Simulations-Beratungsgespräche in Tübingen durch. So üben angehende Fachkräfte in einem geschützten Rahmen, ressourcenorientiert zu beraten, bevor sie dann in der Praxis Adressat:innen gegenübersitzen.

Um welche Themen geht es?

Um typische Anliegen aus der sozialen Arbeit. Zum Beispiel Probleme in der Erziehung, Jugendliche, die mit sich und ihrem Körper hadern, drohende Wohnungslosigkeit. 

Was werden wir in der Antrittsvorlesung dazu hören?

Ich verzahne meine beiden Arbeitsschwerpunkte mit dem Thema Resilienz. Was bedeutet es für Jugendliche, Gewalt zu erleben? Und wie sieht eine sensible Beratung aus, die zu Resilienz führt? Was brauchen Kinder und Jugendliche im Kontext der Sozialen Arbeit? Wie müssen Einrichtungen aufgestellt sein? 

Haben Sie ein konkretes Beispiel, was Kinder brauchen, um resilienter zu werden?

Genau das möchte ich in diesen fünf Jahren der Lechler-Professur entwickeln. Was wir aber sicher wissen: Resilienz funktioniert nur über gute Beziehungen - zur Sozialarbeiter:in ebenso wie zu Eltern, Geschwistern und Freund:innen. Ohne Beziehung gibt es keine Methode, die Wirkung entfalten kann. Zu diesen tragenden Beziehungen zählt die Resilienzforschung übrigens auch Sinn- und Glaubenserfahrungen: das Vertrauen, gehalten zu sein. Spiritualität als Ressource ernst zu nehmen, gehört deshalb für mich auch zum Thema – und dafür ist die Evangelische Hochschule ein guter Ort. Niemand wird allein widerstandsfähig und belastbar - Resilienz entsteht in Beziehungen.