Internationales Symposium: Sorgen und Pflegen in häuslichen Live-In Pflegearrangements

Obwohl sich die Sozial- und Pflegesysteme in den europäischen Ländern unterscheiden, stehen alle vor der Herausforderung einer steigenden Zahl pflegebedürftiger älterer Menschen. Für viele ältere Menschen und ihre Familien sind weder die Pflege durch Angehörige noch Pflegeheime eine praktikable Option. Daher bevorzugen viele Familien eine Betreuungskraft mit Migrationshintergrund, oft aus Osteuropa, die im Haushalt lebt. Das sind häusliche Live-In Pflegearrangements.

Rund 70 Personen nahmen an einem zweitägigen Symposium an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg teil.

Die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen sind jedoch in den EU-Ländern sehr unterschiedlich und häufig nur wenig abgesichert. Ältere Menschen und Betreuungskräfte geraten dadurch vielfach in prekäre Situationen.

Rund 70 Personen – Forschende, Praktiker*innen, ehemalige Live in Care Arbeitskräfte, Co Creators, pflegende Angehörige, Stakeholder sowie Studierende des Masterstudiengangs Soziale Arbeit, des Bachelorstudiengangs Internationale Soziale Arbeit und Promovierende – nahmen an einem zweitägigen Symposium an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg teil. 

Das Symposium fand im Rahmen der COST Action CA 22167 „Participatory Approaches with Older Adults“ (kurz: PAAR-Net; paar-net.eu) statt und wurde durch die Europäische Union gefördert. COST steht für „European Cooperation in Science and Technology“.

PAAR-Net zielt darauf ab, inklusive soziale Innovation zu fördern und dabei die Erfahrungen und das Wissen älterer Menschen einzubeziehen, insbesondere wenn es um das Risiko sozialer Ausgrenzung geht. PAAR-Net setzt sich für partizipative Ansätze ein, die die Zusammenarbeit zwischen Expert*innen qua Ausbildung – in der Regel Wissenschaftler*innen – und Expert*innen durch Erfahrung, also ältere Erwachsenen ab 65 Jahren, in den Mittelpunkt stellen.

Vor diesem Hintergrund war das Symposium partizipativ angelegt und brachte Perspektiven internationaler Wissenschaftler*innen, Studierender, älterer Menschen, An- und Zugehöriger, Live-In-Pflegekräfte, Vertreter*innen von Organisationen und Professionelle zusammen. Übergeordnetes Ziel des Symposiums war es, den Aspekt der Teilhabe, Mitbestimmung und Partizipation mit Blick auf Live-In-Pflegekonstellationen in den Vordergrund zu rücken. Auf unterschiedlichen Ebenen fragten wir danach, welche Veränderungen sowie rechtlichen, politischen und organisationalen Bedingungen es braucht, all das verwirklicht werden kann und alle Beteiligten ein Leben führen können, dass sie wertschätzen können. Vor allem wechselseitige Wertschätzung zeigte sich dabei als eine notwendige Qualität sorgender Beziehungen. Des Weiteren gingen wir der Frage nach, wie sich ältere Menschen, ihre Familien und die in ihrem Haushalt lebenden Pflegekräfte aktiv an der Erforschung und Verbesserung der Situation aller beteiligen können.

An beiden Tagen knüpften wir an bestehende Forschungsergebnisse zu den Herausforderungen und Problematiken dieser Pflegekonstellationen an. Die bestehende Forschung macht deutlich, dass sowohl pflegebedürftige Ältere als auch die Pflegekräfte äußerst vulnerabel sind und Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt oder Vernachlässigung werden können. 
Betreuungskräfte aus dem Ausland arbeiten oft über die gesetzlichen Arbeitszeitgrenzen hinaus, werden ausgebeutet und sind Gewaltrisiken ausgesetzt, sie verbringen nur wenig Zeit mit sozialen Kontakten außerhalb des Haushalts. Infolgedessen haben Sie zumindest während der Zeit in Deutschland kaum Spielraum für Erholung oder für ein Leben außerhalb des Haushalts, der für sie ebenso Wohnort wie Arbeitsplatz ist.

Während es in der Forschung häufig getrennt um die Perspektiven der Betreuungskräfte oder der Pflegebedürftigen und ihren An- und Zugehörigen geht, versuchten wir verschiedene Perspektiven sowie die Beziehungen zwischen allen Beteiligten einzubeziehen. 

Deutlich wurde: Alle Menschen, die in Live in Care Konstellationen involviert sind, sind voneinander abhängig, also ältere Menschen, Live in Care Arbeitskräfte und pflegende Angehörige. Sie müssen daher einbezogen werden in:
•    Die individuelle Erarbeitung der Pflegearrangements, sodass alle Bedarfe sichtbar und verhandelbar sind 
•    den Aufbau von Alltagsroutinen im Pflegearrangement – inklusive Beteiligungsmöglichkeiten für ältere Menschen und Live in Care Arbeitskräfte auf Gemeindeebene und darüber hinaus 
•    die Gestaltung guter institutioneller Rahmenbedingungen auf kommunaler Ebene 
•    Politikgestaltung und Diskussionen darüber, welche politischen Maßnahmen und rechtlichen Regelungen notwendig sind, damit Live in Care Konstellationen sichere Orte für gute und wertgeschätzte Sorgearbeit sind – ohne Ausbeutung der Care Arbeitskräfte und ohne Risiken für pflegebedürftige Menschen.

Wir haben außerdem diskutiert:
•    wie diese Pflegekonstellationen durch eine unabhängige Organisation überwacht werden können (z. B. Community Health Nurses der kommunalen Behörden) 
•    wie Herausforderungen durch Supervision und Qualifizierungsprogramme für Care Arbeitskräfte adressiert werden können 
•    welche Rolle externe und unabhängige Mediation in Konfliktfällen spielen kann.
•    dass Sorgearbeit Respekt erfordert (kein Ageismus, kein Sexismus, kein Rassismus) und wie – aus der Perspektive einer „caring democracy“ (Joan Tronto) – Sorgearbeit die Verletzbarkeit von Demokratie sichtbar macht,

sowie über
•    die Möglichkeit einer Ombudsperson für Care Arbeitskräfte und Familienangehörige 
•    die Notwendigkeit internationaler Vereinbarungen, die die Bedarfe der Familien der Live in Care Arbeitskräfte im Herkunftsland berücksichtigen, sowie die Übertragbarkeit sozialer Rechte (z. B. Renten, Krankenversicherung, Kinderzulagen) 
•    die Spezifika von Sorgearbeit, d. h. emotionale Arbeit, Relationalität, wechselseitige Abhängigkeit, Verkörperung, die Herausforderungen beim Navigieren von körperlicher und emotionaler Nähe und Distanz sowie ihre Diffusität
•    die Dimension von Aktivismus, der auch Freude und körperliche Aktion beinhalten sollte,
gesprochen.
Eine zentrale Erkenntnis war: Live in Care sollte nicht nur als Praxis „in der Grauzone“ toleriert werden, sondern wertgeschätzt sein. Sie braucht ein klares Kompetenzprofil innerhalb eines gemischten Versorgungssystems und muss durch einen sicheren rechtlichen Rahmen gestützt werden.