„Raum für Kinderspiel! Studie des Deutschen Kinderhilfswerkes zu Aktionsräumen von Kindern in der Stadt“

Die Evangelische Hochschule Ludwigsburg und das Freiburger Institut für angewandte Sozialwissenschaft (FIFAS) haben  die Kinderstudie „Raum für Kinderspiel!“ in den baden-württembergischen Städten Ludwigsburg, Offenburg, Pforzheim, Schwäbisch Hall und Sindelfingen durchgeführt. Die Studie wurde durch das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) gefördert.

Die zentrale Fragestellung der Untersuchung war, wie sich die Beschaffenheit des Wohnumfeldes auf den Ablauf des Kinderalltags und auf die Lebensqualität von Kindern auswirkt. Dabei  geben die Studienergebnisse nicht nur Hinweise auf Defizite, sondern auch Anregungen für eine zielgerichtete und attraktive Ausgestaltung des öffentlichen Raums für Kinder.

Thematik, Fragestellung und Methoden

Diese Studie schließt an die „Freiburger Kinderstudie“ an, die 1993 außerordentliche Resonanz in der Fachwelt, Medienöffentlichkeit und Politik fand.

Kinder haben laut Artikel 31 UN-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Spiel und Erholung. In Artikel 12 wird jedem Kind ein Recht auf „Berücksichtigung des Meinung des Kindes in allen es betreffenden Angelegenheiten“ festgeschrieben. Bezogen auf das Thema Spiel fordern diese beiden Artikel der Konvention dazu auf, Kindern das Recht zur Verwirklichung ihrer Spielbedürfnisse zu ermöglichen. Die Studie zeigt, dass sich mit einer auf Kinder bezogenen Stadtentwicklungspolitik sehr viel erreichen lässt.
Methodische Grundlage ist eine schriftliche Elternbefragung in Haushalten mit Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren in den fünf Städten, die im Frühjahr 2013 durchgeführt wurde und in der Informationen über 5.003 Kinder und ihre Eltern erhoben wurden.

Die Sozialraumanalyse ergänzt in Form von standardisierten Beobachtungen des Wohnumfeldinventars sowie durch die Beteiligung von Kindern im Rahmen von Begehungen im Wohngebiet ("Kinder als Raumexperten") die Erkenntnisse aus der Elternbefragung. Schließlich wurden im Rahmen von Experteninterviews die Perspektiven und Herausforderungen der teilnehmenden Städte eingeholt.

    Laufzeit

    März 2013  bis  Mai 2014

    Ergebnis

    Die wesentlichen Ergebnisse der Studie sind:

    • Die Zeit, die 5-9-jährige Kinder mit freiem Spielen im Umfeld ihrer Wohnung verbringen können, hängt vor allem von dessen Beschaffenheit, also von der Aktionsraumqualität ab. Ist die Aktionsraumqualität sehr schlecht, können rund drei Viertel der Kinder überhaupt nicht draußen spielen und über 80 % müssen beim draußen Spielen beaufsichtigt werden.
    • Die den Eltern zur Verfügung stehenden Ressourcen (Schulbildung, Migrationshintergrund, Erwerbsstatus, Alleinerziehendenstatus) haben – über einen Selektionseffekt – Einfluss darauf, in welchem Wohnumfeld Kinder aufwachsen. Familien mit einer günstigen Ressourcensituation leben sehr viel häufiger in einem für Kinder günstigen Wohnumfeld.
    • Ob Kinder eine organisierte Nachmittagsbetreuung benötigen, hängt v.a. von der Familiensituation, u.a. der Erwerbstätigkeit ab. In den allermeisten Familien arbeitet ein Elternteil Vollzeit und der andere Teilzeit oder gar nicht. Unter dieser Konstellation sinkt der Betreuungsbedarf mit steigender Aktionsraumqualität deutlich von 50 % auf 31 %.
    • Die Nutzung elektronischer Medien hängt vom Bildungsniveau der Eltern und vom Wohnumfeld ab. Eine intensive Mediennutzung von  mehr als 2 Std./Tag ist vor allem bei Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss und bei ungünstigem Wohnumfeld zu konstatieren.
    • Zusammenfassend lässt sich beobachten, dass ein ungünstiges Wohnumfeld zu einer deutlichen Verzögerung in der mit dem Alter der Kinder zunehmenden normalen Entwicklung hin zu einer „autonomen“ Kindheit führt – dem Bedürfnis nach Selbständigkeit und neuen Erfahrungen.

      In 40 Wohngebieten wurden über die Wohnumfelder von rund 2000 Kindern mit Hilfe eines standardisierten Bogens beobachtet. Auf Grundlage dieser Ergebnisse und in Kombination mit den Ergebnissen der Elternbefragung konnten neun Indikatoren zur Darstellung der Wohnumfeldqualität entwickelt werden. Jede teilnehmende Stadt erhielt einen Bericht, in dem neben den allgemeinen Ergebnissen der Elternumfrage auch spezifische kleinräumige Gebietsprofile dargestellt waren. Anhand dieser Profile konnten die Städte die Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten der jeweiligen Aktionsräume von Kindern vergleichen und Handlungsansätze entwickeln.
    • Kinderperspektive: Es wurden  Wohngebietsbegehungen mit über 100 Kindern durchgeführt. Kinder waren als Expertinnen und Experten in eigener Sache gefragt, zeigten wo, mit wem und was sie im Wohnumfeld spielen. Sie machten ihre Bewertungen der aufgesuchten Spielorte und ihre Wünsche in Worten, Zeichnungen und durch ihr Spiel deutlich.

    Links
    Buchpublikation der Gesamtstudie:

    • Neben den  Berichten für die  Projektstädte erscheint  Anfang 2015 im LIT-Verlag ein umfangreicher Gesamtbericht unter dem Titel „Raum für Kinderspiel!“
    • Die Kinderzeichnungen aus den Begehungsveranstaltungen wurden separat ausgewertet und sind auf SSOAR bereits veröffentlicht. Titel: "Wünsch dir was" - eine Analyse von Kinderzeichnungen als Zugang zur kindlichen Vorstellungswelt von Spielorten: Supplement zur Studie Raum für Kinderspiel! Eine Studie über Aktionsräume von Kindern in Ludwigsburg, Offenburg, Pforzheim, Schwäbisch Hall und Sindelfingen</li>
    • Erhebungsinstrumente und Feldmaterialien zur Studie sind ebenfalls auf SSOAR bereits veröffentlicht. Titel: Erhebungs- und Feldmaterialien zur Studie "Raum für Kinderspiel!": eine Studie zu Aktionsräumen von Kindern in Ludwigsburg, Offenburg, Pforzheim, Schwäbisch Hall und Sindelfingen
      Am 8.10.2014 wurde eine Fachtagung „Raum für Kinderspiel!“ gemeinsam mit dem DKHW und FIFAS in der Ev. Hochschule veranstaltet. Es waren rund 100 Fachleute aus Kommunen, Verbänden, &nbsp;Kirchen, Stadtplanungsbüros u.a. dabei. Die Präsentationen sind auf der Homepage des DKHW zu finden.
    • Das DKHW möchte ein Netzwerk an Städten initiieren, um das Thema weiter voranzubringen.

    Auftraggeber/Förderer

    Deutsches Kinderhilfswerk e.V. und Eigenmittel der beteiligten StädteProjektergebnisse und Publikationen

    Projektbearbeitung

    Leitung: Prof. Dr. Peter Höfflin (Institut für Angewandte Forschung)
    Prof. Dr. Baldo Blinkert (Freiburger Institut für angewandte Sozialwissenschaft, FIFAS e.V.)
    Mitarbeit: Alexandra Schmider,  M. A. (Institut für Angewandte Forschung)